Hohe Verunsicherung, kaum Wachstum
Die Vorlaufindikatoren für den künftigen Wirtschaftsgang haben sich in den vergangenen Monaten auf breiter Front abgeschwächt. Rezessionsängste dies- und jenseits des Atlantiks hinterlassen verunsicherte Konsumenten, Produzenten und Anleger. Im Hauptfokus steht derzeit aber einmal mehr die europäische Schuldenkrise mitsamt den realwirtschaftlichen Konsequenzen für das globale Wachstum und äußerst nervösen Finanzmärkten.
Im schlimmsten Fall sind in einigen Ländern negative Quartalswachstumsraten möglich. Von einem erneuten Abgleiten in eine Rezession gehen wir derzeit nicht aus, auch wenn die Risiken für ein solches Szenario, speziell in der Eurozone, in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen haben.
Die Eurozone droht zu schrumpfen
Die Aussichten für die Eurozone sind wenig erfreulich. Der Aufschwung hat seit längerem deutlich an Fahrt verloren. Die Wirtschaftsleistung konnte im zweiten und dritten Quartal jeweils lediglich um 0.2 % gesteigert werden. Besonders schwerwiegend: Der Wachstumsmotor Deutschland gerät allmählich ins Stocken, auch wenn das Wachstum mit 0.5 % im dritten Quartal nochmals positiv überraschte. Wir erwarten für 2012 einen leichten Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0.5% - ein bis zwei negative Quartale über den Jahreswechsel sind durchaus wahrscheinlich.
Die positive Stimmung nach den Entscheidungen am EU Gipfel im Oktober war schnell verflogen. Nach Griechenland steht Italien - ein weitaus gewichtigeres Mitgliedsland - im Fokus. Die Verunsicherung ist groß, die Renditen italienischer Staatsanleihen sind markant angestiegen. Die Konsolidierung der Staatsfinanzen ist unausweichlich - mit allen unangenehmen Konsequenzen.
Die Staatsausgaben werden gekürzt und belasten damit das Wachstum. Der private Konsum leidet nicht nur unter der hohen Verunsicherung der Konsumenten. Es droht zudem eine Kreditklemme. Abschreiber auf als sicher geglaubte Staatsanleihen der Peripherie und eine temporäre Anhebung der Eigenkapitalvorschriften führen bei einigen Instituten zu Kapitalbedarf.
Trotz einer erwarteten Abnahme der internationalen Handelsaktivitäten dürfte die Eurozone einen positiven Wachstumseffekt aus dem Außenhandel erwirtschaften. Hauptprofiteure bleiben dabei jedoch die Kernstaaten - hauptsächlich Deutschland. Die Peripheriestaaten sind aufgrund jahrelanger Lohnsteigerungen weniger wettbewerbsfähig.
Moderates Wachstum in den USA
Nach einem enttäuschenden ersten Halbjahr startete die US Wirtschaft wieder solide ins zweite Semester. Die Wirtschaftsleistung konnte im dritten Quartal dank eines überraschend positiven Konsums rund 0.6 % zulegen. Grund zur Euphorie gibt es jedoch nicht. Das Wachstum bleibt schwach, mehr als 1.5 % sind 2012 kaum zu erreichen.
Der amerikanische Staatshaushalt wird auch in diesem Jahr ein Minus von über 8 % des BIP ausweisen und die Schuldenquote über die Marke von 100 % drücken. Die Regierung ist gefordert das Defizit zu reduzieren, entsprechend rechnen wir mit abnehmenden Staatsausgaben in den kommenden Quartalen. Die Konsumenten sind verunsichert. Die Zahl der neu geschaffenen Stellen ist immer noch zu gering, um eine deutliche Verbesserung am Arbeitsmarkt herbeizuführen. Das Reallohnwachstum ist zudem nur noch knapp positiv. Wir erwarten, dass sich die private Nachfrage in den kommenden Quartalen zurückhaltend präsentiert, zumindest solange, bis sich die Aussichten wieder etwas aufhellen. Mehr Sorgen bereitet die Zurückhaltung der Investitionstätigkeit. Die Unternehmen schreiben solide Gewinne und horten historisch hohe Cash-Bestände. Der sich eintrübende Ausblick wird die Investitionsbereitschaft jedoch noch länger tief halten - trotz Tiefstzinsumfelds.
Die Schweiz im Fahrwasser Europas
Die Schweiz gerät verstärkt in den Sog der weltweiten Wachstumsverlangsamung. Im zweiten Quartal präsentierte sich das Wachstum mit einem Plus von 0.4 % noch solide - jedoch hauptsächlich getrieben durch hohe Staatsausgaben und einen markanten Lageraufbau. Die hohe Abhängigkeit - insbesondere vom schwächelnden Europa - wird sich schon bald negativ bemerkbar machen. Wir rechnen für 2012 mit bestenfalls 1 % Wirtschaftswachstum.
Die Fiskalsituation der Schweiz ist komfortabel. Allerdings ist aufgrund der verfassungsrechtlichen Schuldenbremse nicht mit anhaltend hohen Wachstumsbeiträgen aus dem öffentlichen Sektor zu rechnen. Die deutliche Verschlechterung der Konsumentenstimmung gibt Anlass zur Sorge, dass der private Konsum vorübergehend kaum zum Wachstum beitragen wird. Ähnlich verunsichert über den künftigen Wirtschaftsgang zeigen sich auch die Unternehmen und halten ihre Ausgaben ebenfalls zurück - eine klassische Investitionsfalle entsteht. Einzig der Bausektor dürfte sich angesichts des Baubooms über weiter wachsende Investitionen freuen. Bleibt die Hoffung auf anhaltende Wachstumsimpulse aus dem Außenhandel. Trotz eines Rückgangs der Ausfuhren um 1.3 % hatte der Außenhandel dank einer nachlassenden Importnachfrage (-1.7 %) im zweiten Quartal noch positiv zum Wachstum beigetragen. Der starke CHF in Kombination mit einer nachlassenden Nachfrage aus Europa wird jedoch einen negativen Wachstumsbeitrag des so wichtigen Außenhandels zur Folge haben.
Inflationsdruck hier, Deflationsgefahr da
Die Teuerung in der Eurozone hat zuletzt nochmals deutlich zugenommen. In den USA scheint die Inflation den lange ersehnten Höhepunkt allmählich erreicht zu haben. Im Oktober hat der Inflationsdruck erstmals wieder etwas nachgelassen. Die Kreditvergabe in beiden Währungsräumen ist moderat, reale Lohnsteigerungen sind kaum zu beobachten und es bestehen nach wie vor Überkapazitäten. Dennoch steigt, speziell in den USA, die Kerninflation seit längerer Zeit an. Die nachlassende Wachstumsdynamik wird nun aber dafür sorgen, dass der fundamentalen Preisdruck in den kommenden Monaten wieder nachlassen wird.
Hauptinflationstreiber sind derzeit noch immer die Energiepreise. Trotz einer sich abzeichnenden Wachstumsverlangsamung liegt der Ölpreis deutlich über dem Vorjahreswert und findet somit den Weg in den Wahrenkorb der Konsumenten und Produzenten. Damit wird jedoch bald Schluss sein. Ausgehend von einem stabilen Ölpreis zwischen 90-95 USD/Barrel werden die Inflationsraten allmählich fallen und im nächsten Jahr - in den USA zumindest annähernd - für Preisstabilität sorgen.
Die Schweiz bleibt hinsichtlich Inflation ein Sonderfall. Wertet der CHF nicht unerwartet deutlich ab, sorgt die starke Währung noch bis Mitte 2012 für stabile oder gar sinkende Preise, ehe der Basiseffekt allmählich eintritt. Die Preisstabilität ist trotz deutlicher Ausweitung der Geldmenge durch die Devisenmarktinterventionen 2012 nicht in Gefahr.
Kompakt
• Das Wachstum der Eurozone leidet unter der Konsolidierung der Staatshaushalte und einer hohen Verunsicherung der Konsumenten.
• Die Aussichten für die USA sind besser. Allerdings sorgen fehlende Investitionen jenseits des Atlantiks für lediglich moderates Wachstum.
• Die Schweizer Wirtschaft leidet unter der hohen Abhängigkeit von Europa und einem währungsbedingten Wettbewerbsnachteil im Außenhandel.
Medium: Schlagenhauf Immobilien
Ausgabe: Newsletter Q4 2011
Erscheinungsdatum: Dezember 2011
Autor: Dr. Jörg Zeuner
Funktion: Chefökonom der VP Bank Gruppe
www.vpbank.com